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Harrison Owen: Erweiterung des Möglichen. Die Entdeckung von Open Space. Klett-Cotta 2001.

Der Stein des Anstoßes

Was immer Sie über Open Space jemals gehört oder gelesen haben – eines ist sicher: Open Space hat immer existiert. Und auch wenn Harrison Owen als Begründer der Open Space Technology gilt – die wahre Geschichte von Open Space begann irgendwo auf dieser Welt und kam zum Tragen in einem kleinen westafrikanischen Dorf namens Balamah. Dort war Owen mehrmals Gast des Stammes der Kpelle und nahm an deren traditionellen Zeremonien teil. Ihm fiel auf, dass es keinerlei Konzept gab für diese Feierlichkeiten. Weder Beginn noch Ende waren festgelegt. Dennoch verliefen sie jedes Mal scheinbar planmäßig und absolut reibungslos und alle Dorfbewohner nahmen daran teil, Spaß und Wohlgefühl inklusive. Owen fühlte sich erinnert an diverse Veranstaltungen, deren Essenz sich aus zwei Faktoren zusammensetzte: Sie waren ermüdend langatmig und wurden glücklicherweise unterbrochen von inspirierenden lebhaften Gesprächen in den Pausen. Die Idee von Open Space Technology war geboren. Und mit ihr eine Methode, Meetings und Konferenzen zu hoher Effizienz zu führen. Da komprimiert ein Planungskomitee seine zehnmonatige Arbeit „… für ein Multimillionendollarprojekt …“ wegen eines bevorstehenden Desasters auf ganze zwei Tage und entwickelt ein besseres Produkt als das erste. Eine Pflegeeinrichtung verdoppelt innerhalb von zwei Jahren ihr Klientel bei gleichbleibendem Budget und erhöht so die Produktivität um 100 Prozent. Und als in Kanada nach mehr als vierzig von Privatleuten initiierten Open-Space-Veranstaltungen landesweit der kanadische Premierminister „Das Buch“ über die Zukunft des Staates annimmt, ist das Ausdruck eines neuen Demokratieverständnisses.

So oft Open Space eingesetzt wird – es führt stets zu überraschenden und konkreten Ergebnissen. Vorausgesetzt, man hält sich an die Spielregeln. Dreh- und Angelpunkt ist das Jetzt. Der Moment, der aufgesogen wird „… vom Bedauern über Vergangenes und von der Angst vor der Zukunft …“. Open Space ermöglicht, den Moment bis in seine letzte Phase auszukosten, alles aus ihm herauszuholen und die Gegenwart auf diese Weise zu neuer Effizienz zu führen. Nur so kann man Perspektiven ausloten und die Sicht auf die Dinge hinterm Tellerrand schärfen. Teilnehmer von Open-Space-Veranstaltungen erleben Flow in Reinform und sind mit Leidenschaft und Verantwortung bei der Sache. Einen Haken allerdings hat das Ganze:  „… Wenn Sie auf Kontrolle aus sind, wenn Sie glauben, alles im Griff zu haben, oder dies anstreben, ist Open Space nichts für Sie, und Sie sind nichts für Open Space …“. Open Space ist das Gegenteil von „Arbeit nach Vorschrift“. Es plädiert für Struktur und Kontrolle – in angemessenem Maße. Und es produziert Kreativität und Synergie im Überfluss, dynamische Arbeitsprozesse und schnelle Ergebnisse. Allerdings funktioniert es nur, wenn man die „… Entscheidungs- und Handlungsmacht der Teilnehmer maximiert …“. Nur dann lassen sich neue Dimensionen für die Arbeitsweise eines Unternehmens erreichen.

Kerstin Schulz