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Robert Wischer, Hans-Ulrich Riethmüller: Zukunftsoffenes Krankenhaus. Ein Dialog zwischen Medizin und Architektur. Springer-Verlag Wien 2007

Glückliche Umstände

Entbindungsstation in einem städtischen Klinikum in Deutschland. Eine junge Mutter übt sich im Stillen. Das Neugeborene schreit, während die Säuglingsschwester erklärt, wie sie das Kind halten muss. Der Versuch, dem kleinen Schreihals die mütterliche Brustwarze schmackhaft zu machen, scheitert immer aufs Neue. Die junge Frau schaut verzweifelt, das Weinen des Babys wird drängender. Die fünf Besucher, die das Bett der Zimmernachbarin umlagern, schauen gebannt. Willkommen in der Welt des medizinischen Voyeurismus!

Allein wegen dieser Szene, die tatsächlich aus dem Jahr 2007 stammt, ist „Zukunftsoffenes Krankenhaus“, die schwergewichtige Publikation aus dem Springer-Verlag Wien, ein Glücksfall. Wenn das, was hier an unverzichtbaren Kriterien für künftige Stätten der Heilung zusammengetragen wurde, umzusetzen ist, werden Szenen wie die beschriebene endgültig der Vergangenheit angehören. Im Zukunftsoffenen Krankenhaus hat man die Autonomie der Patienten und die Achtung vor ihrer Intimsphäre als Weg zu schnellerer Genesung erkannt. Wahrnehmungspsychologische Aspekte halten Einzug in alle Bereiche der Medizin, Ganzheitlichkeit bei der Therapie eines Kranken erhält völlig neue Dimensionen.

Ein Glücksfall auch die Autoren: Ein Architekt, der ursprünglich Arzt, und ein Arzt, der eigentlich Architekt werden wollte. Robert Wischer und Hans-Ulrich Riethmüller liefern sich seit 1963 „Ein(en) Dialog zwischen Medizin und Architektur“, wie es im Untertitel heißt, der in seiner detaillierten, disziplinübergreifenden Darstellung wohl kein zweites Mal zu finden ist. Zwei Herren, die ihr Handwerk in geschichtsträchtigen Zeiten gelernt und trotz fortgeschrittenen Alters noch längst nicht an den Nagel gehängt haben. Ihr Kompendium hat die Tiefe und die Prägnanz eines Lebenswerkes. So ist es keineswegs verwunderlich, dass Jahre vergingen bis zur Fertigstellung.

Jahre, in denen die Professoren u. a. die Flexibilität deutscher Krankenhausbauten auf den Prüfstand hoben. Ein Großteil dieser Häuser hat Jahrzehnte auf dem Buckel oder mehr, wurde um-, aus- und weitergebaut. Andererseits ist eine nicht unerhebliche Zahl von ihnen seit langem dem Untergang geweiht, vermutlich bis zu 25 Prozent. Der Wandel des Krankenhausbaus ist unumkehrbar. Schlimmer noch. Er liegt fast vollständig außerhalb unserer heutigen Vorstellungen. Eine amerikanische Studie vermutet, dass die durchschnittliche Lebenserwartung im Jahre 2030 in vielen Ländern bei 90 Jahren liegen wird. Und diese Langlebigkeit hat mit Sicherheit auch ihren medizinischen Preis. Ob sich die durchschnittliche Aufenthaltsdauer eines Patienten im Krankenhaus weiter verkürzt, wie es Zahlen beispielsweise aus Skandinavien zeigen, bleibt offen.

So ist das Buch von Wischer und Riethmüller auch zum Dritten ein Glücksfall. Für Architekten und Mediziner, für Prüfbehörden und Berater, Auftraggeber und Nutzer. Für all jene, die in irgendeiner Form in das Projekt Krankenhausbau involviert sind, sich mit deren Planung und baulicher Umsetzung beschäftigen, es einrichten und darin arbeiten. Der Band vermittelt Grundlagen des Krankenhausbaus ebenso, wie er seine Bausteine definiert. Und mehr als 60  Beispiele geben detaillierte Auskunft über Ergebnisse, die im Sinne von „Architektur … (als) Gestaltung gesundheitsfördernden Lebensraums“ zu verstehen sind. Diesem ihrem Grundsatz haben die Professoren Wischer und Riethmüller ein beeindruckendes Gesicht gegeben.

Kerstin Schulz

 

Krankenhaus Architektur Bauten Deutschland

Quelle: Springer-Verlag Wien