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Gerhard Meerwein, Bettina Rodeck, Frank H. Mahnke:
Farbe – Kommunikation im Raum. Birkhäuser 2007.

Ich sehe was, was du nicht siehst

Meine Tochter überraschte mich eines Tages mit der Feststellung, sie hätte in der Zeit, da ich Kind war, nicht leben wollen. Ich war verblüfft und wollte wissen, wie sie zu dieser Erkenntnis gekommen war. „Weil es damals noch keine Farben gab“, antwortete sie. Sie hatte sich alte Familienfotos angeschaut und die waren schwarz-weiß. Ihre kindliche Logik ließ sie schlussfolgern: Nicht nur die Bilder auch das Leben war damals ohne Farbe. Eine unbunte Welt jedoch schien meiner Tochter keineswegs lebenswert zu sein.

Glücklicherweise gehört diese Vorstellung in das Reich der Phantasie. Die Welt ist so bunt, dass es kaum möglich scheint, jemals alle existierenden Farbschattierungen auszumachen. Sie gehören zum Leben, vermitteln Botschaften, inspirieren die Sinne. Davon hat der Mensch nach aktuellsten Forschungen nicht nur fünf, sondern sogar zwölf. Seine Wahrnehmung ist folglich einer ungeheuren Vielzahl von Informationen ausgesetzt.

Farben helfen dem Menschen, sich zu orientieren, eine gewisse Ordnung in sein Leben zu bringen. „Farbe – Kommunikation im Raum“, der Bestseller aus dem Birkhäuser-Verlag, der inzwischen in 4. überarbeiteter Auflage erschien, zeigt Lösungsansätze für ein Raumdesign, das die Wahrnehmungen des Menschen in den Mittelpunkt gestalterischer Aufgaben rückt. Denn rund 80 % unserer Zeit verbringen wir Europäer in geschlossenen Räumen.

Unsere Wahrnehmung im Bezug auf Farben folgt Grundempfindungen. So wirkt eine rot gestrichene Decke belastend auf uns, ein roter Teppich am Boden majestätisch. Weißer Bodenbelag erscheint uns fremd und leer, wohingegen weiße Wände offen und frei machen. Einfarbige Räume z. B. in Hellblau wirken so monoton, dass sie sogar Aggressionen in uns wecken können.

Neben der Vermittlung von theoretischem Basiswissen haben die Herausgeber Meerwein, Rodeck und Mahnke ihr Hauptaugenmerk auf Gestaltungsbeispiele in öffentlichen Bereichen gelenkt. Denn die Akzeptanz von Räumen hängt ganz wesentlich von ihrer farblichen Ausstattung ab. Eindrucksvoll die Fotos aus Schulen, therapeutischen Einrichtungen und Produktionshallen. Hier kann der Leser gleich selbst testen, was bestimmte Farbkonzepte im eigenen Empfinden auslösen.

Es bleibt die Lust. Die Lust auf Farben und auf das vielleicht kindliche Vergnügen, damit zu spielen. Das Buch inspiriert sicher nicht nur Architekten und Designer. Es animiert auch jeden anderen, der eigenen Kreativität freien Lauf zu lassen und zu probieren, wie das wirkt. Was dabei herauskommt. Und welche überraschenden Effekte das Leben mit mehr Farbe bereithält.

Kerstin Schulz

 

Farben Gestaltung Praxis Kommunikation

Quelle: Birkhäuser