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Werner Siefer, Christian Weber: Ich. Wie wir uns selbst erfinden. Campus Verlag 2006.

„Ich“ auf Abwegen

Um es gleich vorwegzunehmen: Ich habe dieses Buch nicht gern gelesen. Aus verschiedenen Gründen. Zum einen ist das „Ich“ eine äußerst gefährliche Lektüre. Und damit pflichte ich den Autoren Werner Siefer und Christian Weber, beide Wissenschaftsredakteure beim FOCUS, bei. Denn sie warnen den Leser, er könne sich nach ihren Offenbarungen am Ort Nirgendwo wiederfinden.

Zum zweiten wehre ich mich vehement gegen dieses untrügliche Beweismittel, das den Sinn aller meiner Taten in Frage stellt.

Und schließlich ist es mir zum dritten trotz meiner Freundschaft gleich zu zwei lebenden Philosophen – aber das zählt wohl nicht – in vielen Teilen des Buches versagt geblieben, deren Aussagen in Gänze zu verstehen. Ich habe den schlimmen Verdacht, „Ich“ umfassend begreifen zu wollen ist ebenso unmöglich, wie auf eigene Faust zum wahrhaftigen Ich zu finden. Insofern haben die Autoren ein bemerkenswertes Beispiel der Einheit von Inhalt und Form geliefert.

Ich bin ihnen deshalb besonders für die eine Erkenntnis dankbar: „Wir nehmen nur den Ausschnitt aus der Welt wahr, der für uns von Relevanz ist.“ Dieser Satz kann mir ohne Zweifel als Begründung für mein offensichtliches philosophisches Analphabetentum dienen. Zusätzlich hat es noch eine weitaus wichtigere Bewandtnis damit, wenn die Aussage selbst auch eine Art Binsenweisheit darstellt. Wenn dieser Satz stimmt, ist er eine Aufforderung zu Toleranz und Verständnis gegenüber anderen. Gegenüber all denen nämlich, die meinen Kontext für Denken und Handeln nicht kennen und mir aufgrund ihres eigenen kleinen Weltausschnittes Verständnislosigkeit oder Misstrauen bekunden. Eine Aufforderung zu mehr und intensiverer Kommunikation, um zu klären, was als Frage im Raum steht.

Aber mal im Ernst: Es erschließt sich nur langsam, das „Ich“. Gespickt mit jeder Menge Fachvokabular verhindert es die Flüssigkeit beim Lesen und Denken. Teilweise sehr spannend sind die beschriebenen Experimente. Jenes z. B., das belegt, dass der Mensch mit dem Tun schneller ist als mit dem Sehen. Oder jenes, das erklärt, warum ein bestimmter Schmerz bis in die Zehenspitze, und damit am entgegengesetzten Körperende, zu spüren ist. Mit besonderer Erwartung habe ich die Kapitel über die „erfundenen“ Erinnerungen und über die Möglichkeit, die eigene Persönlichkeit immer wieder neu zurechtzuzimmern, gelesen. Wirklich eine tolle Sache, wenn man das ins Bewusst-Sein dringen lässt: Ich bin jederzeit ich, wie ich es will. Und nicht wie andere denken, dass ich sein müsste. Ein Befreiungsschlag für alle gebeutelten Seelen! Erst mit 50 verfestigten sich die Charakterzüge des Menschen, so Siefer und Weber. Wenn denn die nötigen Rahmenbedingungen vorhanden sind …

Detailliertes Wissen enthält das Buch der FOCUS-Redakteure, eine ungeheure Menge aktueller Forschungsergebnisse und Analysen spannender Experimente. Wer wissen will, was es mit der grauen Masse unter unsrer Schädeldecke und dem Ich auf sich hat, und wer bereit ist, aufs Querlesen zu verzichten, darf sich auf ein AHA-Erlebnis der besonderen Art freuen.

Kerstin Schulz

 

Foto: Campus